Samstag, 9. Juli 2016

Ein Jahr geht vorüber


Dass ich in wenigen Tagen schon wieder zu Hause bin kann ich immer noch nicht begreifen. Wie kann ein Jahr so schnell vergehen? Gerade erst noch während des Morgenapells willkommen geheißen und kürzlich an selber Stelle schon wieder verabschiedet. Meine Zeit in Indien ist so gut wie abgelaufen und ich bin noch ganz und gar nicht im Abreise-Modus. Ich wurde hier oft gefragt, wie ich ein Jahr ohne stabilen Strom, in enormer Hitze und mit indischem Essen so weit von zu Hause „überleben“ konnte. An den Umstand, dass ich keine 24 Stunden am Tag Strom hab, hab ich mich schnell gewöhnt und an die Hitze, die ich nie als krass empfunden habe auch. Was das Essen angeht: Es tut meinem Gewicht wahrscheinlich ganz gut, dass ich bald wieder daheim bin. Bliebe ich noch ein Jahr hier in Baghmara, würde ich nächstes Jahr höchstwahrscheinlich nachhause rollen.  
Dass das Unterrichten jetzt ein Ende hat, ist glaube ich die einzige Sache, die nicht ganz so schlecht ist. Es ist wirklich schwer vor einer Klasse ernst zu bleiben die ständig Unfug im Kopf hat. Unglaublich, auf welche Ideen sie kommen und dann gibt es leider auch die Schüler, die man nur anzuschauen braucht und man schon loslachen könnte. Eine meiner Schülerin ist so eine, die jeden Tag einen Kommentar von sich gibt, mit dem ich dann einfach nichts anzufangen weiß, außer in mein Buch oder mit dem Rücken zur Klasse in die Tafel zu grinsen. Dass sie mich mittlerweile absichtlich darauf hinaus provoziert ist mir klar, trotzdem ist sie jedes Mal wieder genauso komisch.
Während des Englischunterrichts höre ich von irgendwoher ein Klopfen, bis einer meiner Schüler meint, da seien andere Kinder im Raum nebenan. Nebenan ist kein Klassenzimmer, sondern der Hostelraum der Jungs. Also mache ich die Tür auf und eine Horde Schüler steht vor mir und wirft mir schuldlose Blicke zu. Bevor ich diejenigen, die die Tür von außen zugeriegelt haben zur Rede stellen konnte, musste ich mir erst einmal mein Lachen verkneifen.
Ob mich meine Schüler überhaupt noch ernst nehmen können nach all den Aussetzern, die ich in manch einer Unterrichtsstunde hatte, als ich Tränen hätte lachen können, weiß ich nicht. Aber das ist jetzt auch egal, daher ist es gut, dass es ein Ende hat. Ich werde die Kinder trotzdem vermissen, vor allem natürlich die Kids aus dem Hostel, mit denen ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht habe. In der Studytime werden jetzt schon Pläne geschmiedet, wie ich vor der Polizei fliehen könnte, wenn sie kommen um mich zu verhaften, wenn mein Visum ausläuft. Es fällt mir schwer zu gehen, und ich würde so gern noch länger bleiben. Ich hatte eine gute Zeit in Indien, die ich so schnell nicht vergessen werde.  
Dennoch muss ich jetzt „Servus“ sagen, ohne zu wissen, ob ich alle Kinder irgendwann wieder sehen werde. Auf die Frage, wann ich denn wiederkommen werde, weiß ich leider keine Antwort. Vielleicht in drei Jahren, oder erst in 5?

Sonntag, 19. Juni 2016

Eine Woche in einer Alternative Health Care Clinic

Es sind Sommerferien. Die Kinder zu Hause. Der Schulhof leer. Also haben Antonia und ich die Zeit genutzt, um mal etwas anderes zu machen, außer herumreisen, indisch kochen oder vor dem Laptop herumzuhängen. Wir sind nach Kalidanga gefahren. Kalidanga ist ein kleines unscheinbares Dorf im Bundesstaat West Bengal. Was Kalidanga aber von anderen Dörfern seiner Größe unterscheidet sind die vielen Pensionen und Gästezimmer, die von den Dorfbewohnern vermietet werden. Der Grund dafür, ist nicht der Tourismus, den es dort ganz bestimmt nicht hinziehen würde, sondern ein alternatives physiotherapeutisches Krankenhaus. Der Jesuit und Arzt Father Peter leitet diese Klinik. Hier durften wir eine Woche mitleben und mithelfen. Die Patienten kommen mit unterschiedlichen Problemen dorthin. Kinder, die seit ihrer Geburt nicht richtig laufen können oder Erwachsene, die aufgrund eines Schlaganfalles das rechte Bein und den rechten Arm nicht mehr bewegen können. Andere, die sich durch einen Unfall oder einem Sturz Verletzungen zugezogen haben und jetzt zur Rehabilitation nach Kalidanga kommen. Viele kommen aber auch, weil sie sich nach all den Jahren harter Arbeit auf dem Feld den Rücken kaputt gemacht haben. Die typischen Diagnosen die Fr. Peter stellt sind Skoliose, Spondylose oder Spondylitis. Father Peter ist in vielen Bereichen sehr gut qualifiziert, zwei davon sind die Homöopathie und die Physiotherapie. In Kalidanga gibt es verschiedene Methoden, um die Patienten wieder „geradezubiegen“. Das wahrscheinlich schmerzhafteste sind die Geräte, mithilfe deren Nacken oder der untere Teil der Wirbelsäule gestreckt wird. Wenn es der obere Teil der Wirbelsäule sein soll wird dem Patienten sitzend der Kopf eingehängt und die Maschine gibt kurze Züge, um die Knochen so zu strecken. Das gleiche passiert liegend mit dem Lendenbereich, nur das dieses Mal der Bauchbereich am Seil hängt. Manche Patienten bekommen kurze Elektroschocks an den betroffenen Körperteilen, um die Nerven dort zu reaktivieren. Noch interessanter ist aber die Magnettherapie. Hier müssen sich die Leute unterschiedlich große und unterschiedlich starke Magneten zum Beispiel an die Füße oder die Wirbelsäule halten. Die Elemente aus denen der Magnet besteht ziehen die jeweiligen Elemente in den Knochen zu der anvisierten Körperstelle. Medikamente verschreibt Father Peter nur zu minimalster Menge. Er meint, je weniger Medikamente desto besser. Auch die Therapiekosten hält er minimal. So zahlt jeder Patient für die Therapie 30 Rupien pro Tag, das sind umgerechnet 40 Cent. Auch das ist ein Grund weswegen viele Patienten von weiter weg kommen, und es in Kauf nehmen sich für ein paar Monate ein Zimmer zu mieten. 


Antonia und ich haben den Kindern und Erwachsenen die Gelenke trainiert. Unter den Patienten waren viele kleine Kinder, die noch nicht älter als drei Jahre waren und sich so vor uns fürchteten, dass sie während der Therapie nicht aufhörten zu schreien. Was diese dann natürlich fast unmöglich gemacht hat. Es gab aber auch das komplette Gegenteil. So kamen selbst kerngesunde Männer, meist der Vater eines Kindes, das in Behandlung ist oder ein Ehemann einer Patientin, zu mir, um von mir behandelt zu werden. Der Physiotherapeut, der auch dort arbeitet, hat ihnen dann aber immer erklären müssen, dass ich nur auf Kinder und gelähmte Patienten spezialisiert bin. Enttäuschend und ohne Behandlungen des deutschen Physiotherapeuten sind sie wieder gegangen. Natürlich war ich ganz und gar nicht spezialisiert, aber die Patientinnen hielten Antonia und mich wahrscheinlich doch für Therapeuten aus Deutschland. Die Arbeit hat sehr viel Spaß gemacht und es hat mich besonders gefreut, wenn mir meine Patienten nach den Übungen gesagt haben, dass sich die Schulter jetzt besser anfühlt. Dann waren auch die Kinder, die sich mit Händen und Füßen gegen mich gewehrt hatten vergessen.
In Erinnerung wird mir immer der siebenjährige Sushil bleiben, der jeden Tag seinen kleinen Bruder auf seinem Arm in die Klinik getragen hat. Anfangs war der Kleine noch sehr schüchtern, aber später kam er strahlend auf dem Arm seines Bruders in den Therapieraum. Sein großer Bruder stand die ganze Zeit an der Liege und hat ihm nach unserer Therapie ins nächste Zimmer zur nächsten getragen. Die zwei sind wirklich ein Herz und eine Seele.

Father Peter, der schon seit mehr als zehn Jahren in Kalidanga den Menschen die Knochen geradebiegt, ist in der Umgebung fast mit jedem per du. Wie zum Beispiel mit dem ADM, dem Assistant District Magistrate. Er hat es sich auch nicht nehmen lassen Antonia und mich zu dessen Hochzeitstag mitzuschleppen. Wir waren beim ADM eingeladen, eine Person, die für einen ganzen District zuständig ist. In meinen Plastikflipflops, Stoffhose und T-Shirt bin ich also voller Erwartung und einem komischen Gewissen auf die Feier gefahren. In der Erwartung, eine riesige Veranstaltung mit wichtigen Personen aus der Umgebung und einem großen Berg an Essen vorzufinden. Nichts davon hat sich so ergeben, wie ich gedacht hatte. Es gab nur noch drei weitere Gäste neben uns, und die Männer saßen in Lungi, dem indischen Männerrock, da. Ein lässiger und gemütlicher Abend weit weg von all dem Hi-Fi den ich erwartet hatte.

Eine Woche, die wie alles in letzter Zeit, wie im Flug verging. Wir hatten eine tolle Zeit in Kalidanga, und es tat gut einmal aus unserer Kommunität in Baghmara rauszukommen.
Jetzt bin ich wieder zurück in Baghmara und seit letzter Woche läuft die Schule wieder, auch wenn noch viele Kinder nicht wieder aus ihren Ferien zurückgekommen sind. Ein immer wiederkehrendes Problem nach den Ferien.
Mit dem Schulstart kamen ein neuer Schulleiter und ein neuer Direktor für die Schule. Father Joby und Father Lazar haben jetzt die Zügel in der Hand, um die Schule weiterzuführen und aufzubauen. Unsere Sisters, die seit einem Jahr an einem eigenen Gebäude für sich und die Hostelmädchen arbeiten sind umgezogen und wohnen zusammen mit den KG-Kindern und den Mädchen auf der anderen Straßenseite. Daran, dass die Mädls und die Jungs jetzt nicht mehr zusammen spielen und lernen muss ich mich erst noch gewöhnen. Es ist noch ein komisches Bild, wenn nur die Jungs auf der Wiese spielen und kein einziges Mädchen zu sehen ist. 

Das neue Mädchen-Hostel

In drei Wochen werde ich zusammen mit Antonia im Zug nach Kalkutta sitzen und Baghmara „Bye bye“ sagen. Dass ich zu all den Menschen, die mir in diesem einen Jahr so sehr ans Herz gewachsen sind, bald tschüss sagen muss will, ich noch nicht wirklich wahrhaben. Es kommt mir vor als wäre es  gestern gewesen, als ich mit Antonia noch auf unserer Dachterrasse saß und wir realisiert haben, dass wir jetzt ein ganzes Jahr lang hier in Baghmara sein werden. Ein Jahr ... und jetzt sind es nur noch wenige Wochen, die uns hier bleiben.

Mittwoch, 27. April 2016

Start ins neue Schuljahr



Nachdem uns Father Abraham auf eine kleine Rundfahrt in Jharkhand durch die Provinz mitgenommen hat, um uns andere Projekte der Jesuiten zu zeigen, wir Ostern in Dumka gefeiert haben und Antonia und ich ein paar Klassenzimmer verschönert hatten waren die zwei Wochen Osterferien auch wieder vorbei. 
 


Der Start ins neue Schuljahr war ein reinstes Chaos. Zwei Lehrer sind zum Schuljahreswechsel gegangen, andere sind in der ersten Schulwoche noch gar nicht erschienen und noch dazu war unser Principal, Sister Paulin, drei Wochen lang krank. Wir hatten also extremen Lehrermangel und keinen ausgearbeiteten Stundenplan. Anstatt vier Unterrichtsstunden am Tag habe ich acht Stunden unterrichtet. Hier ist mir erst einmal richtig bewusst geworden, was ein Lehrer hier am Tag leisten muss. Auch wenn eine Unterrichtsstunde im Schnitt nur eine halbe Stunde dauert, ist es ermüdend vor Schülern zu stehen, die unmotiviert sind und eigentlich gar keine Lust mehr auf dich haben, weil sie schon seit drei Stunden von dir zugetextet werden. Dass ich mit meinem Stoff jetzt schneller durchgekommen bin war mein einziger Vorteil. In manchen Klassen lief teilweise gar kein Unterricht, weil nicht genug Lehrer zur Verfügung waren. Und neue Lehrer zu finden scheint schwer zu sein, zumindest gut ausgebildete.  Mittlerweile haben wir einen neuen Lehrer an der Schule, aber es wird fleißig weiter gesucht.
Dass Antonia und ich in der Zwischenzeit weggefahren sind könnten wir als Flucht aus dem ganzen Chaos sehen, mit einem guten Gewissen sind wir trotzdem nicht gegangen. Es hätte unpassender eigentlich nicht sein können. Aber wir haben uns schon lange im Voraus vorgenommen in den Bergen Darjeelings wandern zu gehen und jetzt hat es endlich geklappt. Zusammen mit sieben Mitfreiwilligen haben wir eine viertägige Hüttentour gemacht.
Innerhalb von fünf Stunden waren wir in den Bergen. In Darjeeling. Mit dem Bus ging es von Purnea drei Stunden bis nach Siliguri und dann mit dem Jeep die Serpentinen rauf auf 2000 m nach Darjeeling. Eben noch in der Morgenhitze geschwitzt, weht einem in der Hillstation ein frischer Wind entgegen.  



Am ersten Tag sind wir bei Sonnenschein an der Grenze zu Nepal losgelaufen. Die erste Etappe ging von Manehbanganj steil bergauf und dann über Bergwiesen auf 2900 Meter Höhe. Dort haben wir übernachtet um am nächsten Tag in 20 Kilometer Distanz auf 3600 Meter zu laufen. Am Morgen hatten wir gehofft eine gute Sicht auf den Himalaya zu haben, doch leider Fehlanzeige. Es war zu trüb am Horizont um irgendwelche Berge ausmachen zu können. Aber wir hatten ja noch den nächsten Morgen, auf den wir gehofft haben. Nach dem Frühstück ging es weiter über Berghügel, auf denen, wie einzelne Farbtupfen, der rosa Rhododendron blühte. Langsam änderte sich jedoch das Wetter. Je höher wir gekommen sind, umso schlechter wurde die Sicht. Bis es völlig neblig war und man keine zehn Meter weit sehen konnte. In dieser Nebelsuppe haben wir schließlich den höchsten Punkt unserer Tour Sandakhpu auf 3636 Meter erreicht. Der letzte Ort, von wo aus wir eine Sicht auf die Bergkette hätten haben sollen. Doch die Hoffnung den Sonnenuntergang mit Sicht auf die Bergkette zu sehen war geplatzt. Später am Abend hat es angefangen zu regnen während wir unter zwei Decken im Schlafsack bei 5°C geschlafen haben. Morgens sind wir um fünf Uhr aufgestanden, mit dem Gedanken, dass es durch den Regen aufgeklart hat. Und das hat es. Als wir dann jedoch draußen standen war von den Bergen noch immer nichts zu sehen. Man weiß, dass in 57 Kilometer der dritthöchste Berg der Welt steht, aber die Wolken verdecken komplett die Sicht. Also sind wir wieder zurück in unsere Hütte und haben es eine halbe Stunde später nochmal probiert. Aber auch um halb sieben waren die Wolken noch da wo sie vorher waren. Bis die Wolkenwand plötzlich dünner wurde und man die Konturen eines Bergs erkennen konnte. Wie ein Fenster konnten wir durch die Wolken schauen. Und da war er. Der Kangchenjunga. Wir blieben stehen und die Wolken wurden weniger und weniger. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl keine sechzig Kilometer vom dritthöchsten Berg der Welt entfernt zu sein. Die Größe ist gigantisch und die schneebedeckten Gipfel einfach unglaublich schön. Fasziniert und sprachlos standen wir da...   

 













Zurück in Baghmara: Der Sonntag fängt an sich in einen wöchntlichen Badetag zu etablieren. Nicht weit unserer Schule gibt es einen kleinen Fluss, an dem wir mit unseren Hostelindern schon ein paar Mal baden waren. Jetzt fragen sie natürlich immer wieder, ob wir nächsten Sonntag auch wieder zum Schwimmen gehen. Mit ungefähr hundert Kindern im Schlepptau laufen wir zum Fluss. Das wäre in Deutschland glaub ich unvorstellbar gewesen mit zwei Betreuern. Aber hier spielt das keine Rolle, die Kindern schauen gegenseitig auf sich, damit keiner verloren geht. Denn ganz ehrlich, den Überblick hab ich bei so vielen Kindern schon längst verloren gehabt, aber trotzdem kommen am Ende alle wieder an. 


Da es jetzt zur Mittagszeit schon sehr heiß ist, wurden die Unterrichtszeiten nach vorne verlegt. Der Schultag geht um 6 Uhr los und endet dafür auch schon um 11 Uhr, damit die Kinder nicht in der extremsten Mittagssonne nach Hause laufen müssen. Mittlerweile ist auch die Anzahl der Schüler wieder auf eine normale Zahl gestiegen, obwohl immer noch einige Kinder fehlen, die zum Schulbeginn nicht wieder aus den Ferien zurückgekommen sind. Als ich ein Maedchen getroffen habe, das bis jetzt nicht wieder aus den Ferien zurueck ins Hostel gekommen ist, sagte sie mir, sie kann erst kommen, wenn ihr Vater ihre Bücher kauft. Die Schulbücher werden hier, anders als in Deutschland, nicht von der Schule gestellt, sondern müssen alle selbst gekauft werden. Da die Kinder in jedem Fach ein Buch haben sind das nicht wenige.
Eine meiner Fünftklasserinnen kam nach den Ferien ohne ihrer kleinen Schwester zurück. Während sie mir sagte, dass ihre Familie kein Geld hat, um die Jüngere in eine English Medium Schule zu schicken liefen ihr Tränen übers Gesicht. 
Leider ist es aber nicht immer nur das Geld, das den Eltern fehlt, um ihre Kinder zur Schule zu schicken, oft ist es auch einfach nur die Einsicht, dass die Bildung ihrer Kinder wichtig ist und sie verstehen nicht die Notwendigkeit sie rechtzeitig zurück in die Schule zu schicken.   

Donnerstag, 10. März 2016

Der Sommer ist wieder da


Der Sommer ist zurück! Seit ein paar Wochen wird es endlich wieder wärmer, die Sonne scheint jeden Tag und der Nebel, der in den letzten Wochen immer bis elf Uhr mittags über dem Boden hing, ist auch verschwunden. Nicht zuletzt merke ich an der Anzahl der Moskitos, die ich jeden Abend in meinem Zimmer erschlage, dass der Winter vorbei ist. Außerdem waschen sich die Kinder, jetzt wo es wo es warm ist, wieder täglich. Vor allem die Kleinsten waschen sich wieder regelmäßig, was im Winter keine Selbstverständlichkeit war. Im Januar sah Rawina, eine der Kleinsten, in ihrem verdreckten rosa Kleidchen und ihren zerzausten Haaren aus, als würde sie seit Jahren auf der Straße leben. Aber bei 5 °C hätte ich wahrscheinlich auch nicht unbedingt draußen an der Handpumpe geduscht. 




Kurz nach den Winterferien im Januar gab es schon wieder Ferien, aber eher gezwungenermaßen. Der District Minister hat für unseren Bezirk „kältefrei“ gegeben. Der Hauptgrund für die außerplanmäßigen Ferien war wahrscheinlich weniger die Kälte sondern der Nebel, der sich bis spät in den Vormittag gehalten hat. Eine Woche lang blieben also die Schulbänke leer und der Großteil unserer Hostelkinder ist nach Hause gefahren. Die Kids die noch da waren haben es sich in ihren Hostelräumen umso gemütlicher gemacht. Gemütlich bleibt hier jedoch Definitionssache, wenn man die kaputten Fensterscheiben und den kalten Betonboden sieht, auf dem sie schlafen. Provisorisch haben sie Pappe und Schulbücher in die Fenstergitter gesteckt, um die Fenster einigermaßen windsicher zu machen. Mit einer Feuerschale und alten Schulheften haben die Kinder Feuer geschürt um sich daran aufzuwärmen. Vor lauter Rauch konnte man in den Räumen zwar keine zwei Meter schauen, aber es war wärmer als draußen – das war die Hauptsache. Am Abend wurde die Studytime von den Klassenzimmern ins Hostel verlegt, gelernt haben wir aber nicht viel. Es hat viel mehr Spaß gemacht Geschichten zu erzählen, Spiele zu spielen oder einfach um das Feuer zu sitzen. Der Höhepunkt der schulfreien Woche war die Party, die die Jungs gegeben haben. Alles was es für die Party gebraucht hatte waren ein Eimer, Muri (Puffreis), Öl, Zwiebeln, Knoblauch, Chili und einen Walkman. Die kleingeschnittenen Chilis wurden mit einer Taschenlampe zerstampft, die Zwiebeln und der Knoblauch kleingehackt und dann alles mit dem Puffreis im großen Eimer gemixt. Es war scharf! Sehr scharf! Aber egal, alle haben kräftig zugelangt, bis der Eimer leer war. Die Hitze lief jedem nass-heiß das Gesicht runter während aus dem Walkman indische Hits strömten. Eine gelungene Party!
Und wenn ich gerade schon von dem etwas anderem Essen schreibe, muss ich noch etwas unbedingt erzählen.

Kurz zur Hintergrundinformation: Unsere Kinder im Hostel sind alle Adivasi. Adivasi bedeutet übersetzt „Erster Bewohner“. Diese Menschen wurden jahrelang benachteiligt und gehören zum untersten Teil der Bevölkerungsschicht. Mittlerweile werden Adivasikinder jedoch ein wenig von der Regierung unterstützt. Beispielsweise gehen 20 % der Studienplätze an einem staatlichen College an benachteiligte Gruppen, zu denen auch Adivasi gehören. Auch unser Hostel ist nur für Adivasi bestimmt. Zwar gibt es ein paar wenige Ausnahmen, aber der Großteil sind Oraos oder Santals. Oraos und Santals sind zwei Gruppierungen von vielen, unter den Adivasis. Die einzelnen Gruppen unterscheiden sich dann nochmals in der Kultur, wie zum Beispiel Musik oder Tanz, und der Sprache. Bevor die Kinder also zu uns an die Schule kommen sprechen sie nur ihre Muttersprache, entweder Santali oder Orao. Hier an der Schule lernen sie dann noch Hindi und Englisch. Es ist erstaunlich, dass die Kinder in der fünften Klasse schon jetzt drei verschiedene Sprachen einigermaßen sprechen können. Unsere Tagesschüler sind mehrheitlich Hindus und gehören keinem Adivasistamm an.
So viel dazu, jetzt zum eigentlichen Thema:

Unter den Tribals ist es Tradtion auf die Jagd zu gehen, zumindest hin und wieder. Da die Kinder ja aber das ganze Jahr über - bis auf den Ferien - im Hostel sind, bekommen sie von diesem Spektakel nicht allzu viel mit. Nachdem wir also unser Senffeld geerntet hatten, kamen ein paar von den älteren Jungs zu Father Abraham, um ihn zu fragen, ob sie dort auf Rattenjagd gehen dürften. Er fand die Idee super. Zum einen würden die Kinder dabei riesen Spaß haben und zum anderen, zerstören die Tiere sowieso das Gemüse. Letzteres verriet er ihnen natürlich nicht. Am Tag darauf ging es los. Mit einem riesen Wasserschlauch wurden Teile des Feldes überschwemmt, um die Ratten und Mäuse aus den Erdlöchern zu treiben. Es passierte und passierte nichts. Die Kinder wurden ungeduldig und haben damit angefangen die Eichhörnchen zu jagen, die in den Bäumen und Büschen herumsprangen. Nachdem sie eines entdeckt hatten, hörten sie nicht damit auf es zu verfolgen bis sie es erwischten. Sie sind bis in die Baumkronen geklettert, haben Äste geschüttelt und mit der Steinschleuder auf die hilflosen Tiere gezielt. Als sie dann eins gefangen hatten brachen alle in ein Jubelgeschrei aus. Das Resultat am Ende der Rattenjagd: Zwei Ratten und fünf Eichhörnchen. Die gab’s dann selbstverständlich zum Abendessen. Und das ist wieder ein Punkt, von dem sich die Adivasi von den Hindus oder Non-Tribals unterscheiden. Sie essen einfach alles, hat mir ein Hosteljunge erzählt, aber verraten davon den anderen nichts, die manchmal aufgrund ihrer Religion komplett auf Fleisch verzichten. In der Hostelküche haben sich die Jungs, die man dort in der Regel nicht so oft antrifft, über die Beute gemacht und sie über dem Feuer gegrillt und danach gebraten. In der Pfanne hätte man es fast mit Geschnetzeltem verwechseln können. Die Jungs haben es genossen, aber meine Leibspeise wird es ganz bestimmt nicht. Rattenfleisch schmeckt dann halt doch wie Ratte- irgendwie ein bisschen eklig. Den Day-scholars (Non-Tribals) dürfen wir davon aber auf keinen Fall erzählen!

Mittlerweile werden keine Schulhefte mehr angezündet um sich aufzuwärmen, sondern Eierkartons, um die Moskitos aus den Study-Räumen zu vertreiben. Das Schuljahr ist so gut wie gelaufen und mit den Prüfungen, die jetzt angefangen haben, wird es beendet. Dann wartet ein neues Schuljahr, für das derzeit schon ordentlich Werbung gemacht wird. Der Anzahl der Neuanmeldungen nach aber noch nicht genug, daher meinte Sister Paulin, Antonia und ich sollen doch mit dem Fahrrad auf und ab fahren, um für die Schule zu werben. Ich hab ihr vorgeschlagen mit St. Xavier’s School Plakaten und auf der Straße zu tanzen. Die Idee fand sie glaube ich gar nicht so schlecht.




 












 

Samstag, 26. Dezember 2015

Der schrägste Tourbus und Frohe Weihnachten



Der Annual Day war ein voller Erfolg. Die Kinder haben perfekt getanzt, vor allem unsere Schneewalzer-Kids. Nach nervenzerreißenden Proben haben sie es am Finaltag perfekt hinbekommen. Das Einzige, was am Annual nicht so gut lief war die Technik, die bei indischen Veranstaltungen eigentlich fast immer versagt. Eins von vier Mikros hat funktioniert und einer von drei Scheinwerfen, der aber auch nicht richtig. Den Kindern und uns hat es viel Spaß gemacht und alle waren froh als das täglich mehrstündige Üben ein Ende hatte.  













Weihnachten haben wir mit selbstgebackenen Vanillekipferl und Zimtsternen eingeleitet, die bei jedem Besucher sehr gut angekommen sind. Auch wenn Father George anfangs Bedenken zwecks seines Magens hatte, war er begeistert von den German Christmas Cookies. 

Ein indischer Brauch ist es vor dem Weihnachtsfest Carol Singen zu gehen. Es ist ähnlich wie Sternsingen. Man geht zu anderen Leuten und wünscht ihnen frohe Weihnachten, indem man Weihnachtslieder vorsingt. Da wir in den Tagen vor dem 24. fast täglich Besuch bekamen, fragten Antonia und ich, ob wir das nicht auch machen können. Die Sisters waren natürlich hellauf begeistert, nur die Fathers mussten noch zustimmen, was sich aber auch als problemlos herausgestellt hat. Also haben wir uns nach einer kurzen Singprobe in unseren "Tourbus" gequetscht und sind los gefahren. Ich hatte meine Gitarre dabei, auf der ich unsere Weihnachtslieder begleitet habe. Wir sind von Kommunität zu Kommunität gefahren und haben Weihnachtsgrüße vorbeigebracht. Jede Kommunität bekam einen Weihnachtskuchen geschenkt und wir wurden zu heißer Suppe oder Kaffee eingeladen. Dieser Abend hat riesen Spaß gemacht, auch wenn wir wahrscheinlich die schrägste Singgruppe waren. Wir haben nicht nur schief gesungen, sondern auch dreisprachig. Multilingual! In unserer letzten Station im Bishop’s House hat mich Fr. Roshan, der Assistent des Bischofs, gefragt, ob ich Lust hätte zu Weihnachten in der Messe Gitarre zu spielen. Am nächsten Tag bin ich zur Chorprobe gekommen und es hat einigermaßen funktioniert, auch wenn die Lieder alle auf Hindi und Santali waren. 

Vor  Heilig Abend haben wir unser Haus ein bischen viel weihnachtlicher gemacht. Unsere Veranda wurde kunterbunt und sogar vom Dach haben wir bunte Girlanden herunter gespannt.   


Jetzt wünsche ich Euch allen noch frohe Weihnachten und einen schönen letzten Weihnachtsfeiertag. Für Antonia und mich geht es heute Abend zum Bahnhof. Wir werden in den nächsten zwei Wochen herumreisen und neue Ecken Indiens besuchen. Im neuen Jahr werde ich also bestimmt das ein oder andere darüber erzählen.