Mittwoch, 27. April 2016

Start ins neue Schuljahr



Nachdem uns Father Abraham auf eine kleine Rundfahrt in Jharkhand durch die Provinz mitgenommen hat, um uns andere Projekte der Jesuiten zu zeigen, wir Ostern in Dumka gefeiert haben und Antonia und ich ein paar Klassenzimmer verschönert hatten waren die zwei Wochen Osterferien auch wieder vorbei. 
 


Der Start ins neue Schuljahr war ein reinstes Chaos. Zwei Lehrer sind zum Schuljahreswechsel gegangen, andere sind in der ersten Schulwoche noch gar nicht erschienen und noch dazu war unser Principal, Sister Paulin, drei Wochen lang krank. Wir hatten also extremen Lehrermangel und keinen ausgearbeiteten Stundenplan. Anstatt vier Unterrichtsstunden am Tag habe ich acht Stunden unterrichtet. Hier ist mir erst einmal richtig bewusst geworden, was ein Lehrer hier am Tag leisten muss. Auch wenn eine Unterrichtsstunde im Schnitt nur eine halbe Stunde dauert, ist es ermüdend vor Schülern zu stehen, die unmotiviert sind und eigentlich gar keine Lust mehr auf dich haben, weil sie schon seit drei Stunden von dir zugetextet werden. Dass ich mit meinem Stoff jetzt schneller durchgekommen bin war mein einziger Vorteil. In manchen Klassen lief teilweise gar kein Unterricht, weil nicht genug Lehrer zur Verfügung waren. Und neue Lehrer zu finden scheint schwer zu sein, zumindest gut ausgebildete.  Mittlerweile haben wir einen neuen Lehrer an der Schule, aber es wird fleißig weiter gesucht.
Dass Antonia und ich in der Zwischenzeit weggefahren sind könnten wir als Flucht aus dem ganzen Chaos sehen, mit einem guten Gewissen sind wir trotzdem nicht gegangen. Es hätte unpassender eigentlich nicht sein können. Aber wir haben uns schon lange im Voraus vorgenommen in den Bergen Darjeelings wandern zu gehen und jetzt hat es endlich geklappt. Zusammen mit sieben Mitfreiwilligen haben wir eine viertägige Hüttentour gemacht.
Innerhalb von fünf Stunden waren wir in den Bergen. In Darjeeling. Mit dem Bus ging es von Purnea drei Stunden bis nach Siliguri und dann mit dem Jeep die Serpentinen rauf auf 2000 m nach Darjeeling. Eben noch in der Morgenhitze geschwitzt, weht einem in der Hillstation ein frischer Wind entgegen.  



Am ersten Tag sind wir bei Sonnenschein an der Grenze zu Nepal losgelaufen. Die erste Etappe ging von Manehbanganj steil bergauf und dann über Bergwiesen auf 2900 Meter Höhe. Dort haben wir übernachtet um am nächsten Tag in 20 Kilometer Distanz auf 3600 Meter zu laufen. Am Morgen hatten wir gehofft eine gute Sicht auf den Himalaya zu haben, doch leider Fehlanzeige. Es war zu trüb am Horizont um irgendwelche Berge ausmachen zu können. Aber wir hatten ja noch den nächsten Morgen, auf den wir gehofft haben. Nach dem Frühstück ging es weiter über Berghügel, auf denen, wie einzelne Farbtupfen, der rosa Rhododendron blühte. Langsam änderte sich jedoch das Wetter. Je höher wir gekommen sind, umso schlechter wurde die Sicht. Bis es völlig neblig war und man keine zehn Meter weit sehen konnte. In dieser Nebelsuppe haben wir schließlich den höchsten Punkt unserer Tour Sandakhpu auf 3636 Meter erreicht. Der letzte Ort, von wo aus wir eine Sicht auf die Bergkette hätten haben sollen. Doch die Hoffnung den Sonnenuntergang mit Sicht auf die Bergkette zu sehen war geplatzt. Später am Abend hat es angefangen zu regnen während wir unter zwei Decken im Schlafsack bei 5°C geschlafen haben. Morgens sind wir um fünf Uhr aufgestanden, mit dem Gedanken, dass es durch den Regen aufgeklart hat. Und das hat es. Als wir dann jedoch draußen standen war von den Bergen noch immer nichts zu sehen. Man weiß, dass in 57 Kilometer der dritthöchste Berg der Welt steht, aber die Wolken verdecken komplett die Sicht. Also sind wir wieder zurück in unsere Hütte und haben es eine halbe Stunde später nochmal probiert. Aber auch um halb sieben waren die Wolken noch da wo sie vorher waren. Bis die Wolkenwand plötzlich dünner wurde und man die Konturen eines Bergs erkennen konnte. Wie ein Fenster konnten wir durch die Wolken schauen. Und da war er. Der Kangchenjunga. Wir blieben stehen und die Wolken wurden weniger und weniger. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl keine sechzig Kilometer vom dritthöchsten Berg der Welt entfernt zu sein. Die Größe ist gigantisch und die schneebedeckten Gipfel einfach unglaublich schön. Fasziniert und sprachlos standen wir da...   

 













Zurück in Baghmara: Der Sonntag fängt an sich in einen wöchntlichen Badetag zu etablieren. Nicht weit unserer Schule gibt es einen kleinen Fluss, an dem wir mit unseren Hostelindern schon ein paar Mal baden waren. Jetzt fragen sie natürlich immer wieder, ob wir nächsten Sonntag auch wieder zum Schwimmen gehen. Mit ungefähr hundert Kindern im Schlepptau laufen wir zum Fluss. Das wäre in Deutschland glaub ich unvorstellbar gewesen mit zwei Betreuern. Aber hier spielt das keine Rolle, die Kindern schauen gegenseitig auf sich, damit keiner verloren geht. Denn ganz ehrlich, den Überblick hab ich bei so vielen Kindern schon längst verloren gehabt, aber trotzdem kommen am Ende alle wieder an. 


Da es jetzt zur Mittagszeit schon sehr heiß ist, wurden die Unterrichtszeiten nach vorne verlegt. Der Schultag geht um 6 Uhr los und endet dafür auch schon um 11 Uhr, damit die Kinder nicht in der extremsten Mittagssonne nach Hause laufen müssen. Mittlerweile ist auch die Anzahl der Schüler wieder auf eine normale Zahl gestiegen, obwohl immer noch einige Kinder fehlen, die zum Schulbeginn nicht wieder aus den Ferien zurückgekommen sind. Als ich ein Maedchen getroffen habe, das bis jetzt nicht wieder aus den Ferien zurueck ins Hostel gekommen ist, sagte sie mir, sie kann erst kommen, wenn ihr Vater ihre Bücher kauft. Die Schulbücher werden hier, anders als in Deutschland, nicht von der Schule gestellt, sondern müssen alle selbst gekauft werden. Da die Kinder in jedem Fach ein Buch haben sind das nicht wenige.
Eine meiner Fünftklasserinnen kam nach den Ferien ohne ihrer kleinen Schwester zurück. Während sie mir sagte, dass ihre Familie kein Geld hat, um die Jüngere in eine English Medium Schule zu schicken liefen ihr Tränen übers Gesicht. 
Leider ist es aber nicht immer nur das Geld, das den Eltern fehlt, um ihre Kinder zur Schule zu schicken, oft ist es auch einfach nur die Einsicht, dass die Bildung ihrer Kinder wichtig ist und sie verstehen nicht die Notwendigkeit sie rechtzeitig zurück in die Schule zu schicken.   

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